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Aufstehen

Der erste Schultag

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    Aufstehen!

    Vorsichtig um niemanden zu wecken befreit Sebastián seine Beine aus der Umklammerung seiner Mutter. Jeden Abend umschlingt sie seine kalten Beine mit den ihren um ihn zu wärmen. Fast jeden Morgen erwachen sie in genau derselben Position. Vier Leute in einem Bett lassen nicht viel Bewegungsspiel. Sebastián, seine Mutter, der Urgroßvater und  Sebastiáns ältere Schwester, zu viert teilen sie sich das einzige Bett der Familie. Der Vater schläft auf dem Boden.

    Heute ist ein besonderer Tag für Sebastián. Jedes Jahr an diesen Tagen erwacht er vor allen anderen. Hibbelig vor lauter Vorfreude. Endlich, die Schule beginnt wieder!
    Sebastián will auf keinen Fall zu spät kommen. Seine kleinen Füsse tasten nach seinem einzigen Paar, ausgetretener Schuhe. Wie so oft findet er sie nicht. Wie eine Gazelle springt er barfuß über den kalten Lehmboden.
    Leise, leise!
    Einer der Hunde blinzelt verschlafen und rollt sich noch enger neben der ausgekühlten Feuerstelle zusammen. In den kühlen Sommermonaten dürfen sie drinnen schlafen. Er wird sie gleich verscheuchen müssen um das Feuer für das Frühstück zu entzünden. Bereits gestern hatte er fleißig Feuerholz gesammelt, eine seiner Aufgaben in der Familie die er mit einem gewissen Stolz erledigte. Er ist gut darin und er freut sich wenn er große Baumstämme findet die über das Kochen hinaus die kleine Lehmhütte warm halten.
    Seine Mutter kocht für die ganze Familie aus dem was sie ernten. Meistens gibt es irgendetwas aus Mais. Auch heute morgen. Ob er sie wecken sollte? Er kann einfach nicht zu spät kommen. Er blickt zum Himmel. Milliarden von Sternen zügeln seine Ungeduld. Noch nicht einmal der Hahn rührt sich. Sie wird gleich aufstehen, die Suppe aufsetzten und sein langes Haar nach traditioneller Art einflechten.
    Er schöpft mit ruhigen Bewegungen das kühle Wasser aus dem Regenfass, vorsichtig um nicht zu viel zu vergießen. Mit einem Stück Seife welches sowohl zum Wäsche waschen als auch zur Körperpflege dient, wäscht er sein pechschwarzes Haar. Im Licht der Nacht schimmert es blau.
    Sebastián hat schon oft diese Veränderung der Farben beobachtet wenn sein Vater sich früh morgens wusch. Er stellte sich dann immer vor, er komme von einem anderen Planeten, wo  sich die Menschen nicht zu Fuss oder Pferd bewegten sonder fliegen konnten und tolle Geschichten zu erzählen hatten. Leider hatte sein Vater keine Zeit für Geschichten.
    In Gedanken versunken beobachtet er wie die einzelnen Tropfen sein Haar erst in Farbe tunkten, herunterfielen und dann kleine Kuhlen im staubigen Boden hinterließen. Wie die Kuhlen im Mond dachte er. Die Kühle der Andennacht und des Wassers holen ihn in die Realität zurück. Vielleicht gibt es ja in der Schule wieder die ein oder andere Geschichte. Seine Lehrerin Sandra kann gut vorlesen.
    Mit einem Lächeln auf den Lippen schüttelt er sich wie Hunde es zu tun pflegen und schlüpft in die ausgetragene Uniform. Bereits vier Generationen haben diese getragen. Der Gedanke daran erfüllt ihn mit Stolz. Er hat sich fest vorgenommen, wenn er groß ist genau so schlau zu sein wie seine Brüder und seine Eltern stolz zu machen. Die Schule ist eine willkommene Abwechslung zur Arbeit auf dem Feld. Vor allem das Kartoffelernten macht ihn so müde.
    Die Wassertropfen auf seiner Haut zeichnen lustige Figuren auf der bereits klein gewordenen Uniform. Das einzige Handtuch der Familie lässt er seiner Mutter. Sie darf sich nicht erkälten. Sie sieht so müde aus. Er kann sehen, dass sie sich Sorgen macht. Seit sein Urgroßvater wieder bei ihnen wohnt reicht das Essen manchmal nicht. Der Sommer war zu trocken. Sie weint häufig. Sie spricht oft von Geld, davon dass sie ihre Söhne nicht mehr unterstützen kann. Nachdem sie im letzten Jahr ihre letzen Kühe verkauft hatten um ihren Sohn an der Uni zu unterstützen, kommt überhaupt kein Geld mehr rein. Es gibt das was sie ernten.
    Sebastián versteht das Konzept des sich sorgen machen noch nicht wirklich es macht ihn nur traurig seine Mutter weinen zu sehen. Ihm ist es egal, dass er in großen Sprüngen aus seiner Uniform wächst. Er kann es kaum erwarten zur Schule zu gehen. Manchmal rennt er den steilen Pfad zur Schule in weniger als einer halben Stunde hoch. Die kleine Plastikuhr, die ihm sein Bruder geschenkt hat erlaubt es ihm jetzt immer pünktlich zur Schule zu kommen. Manchmal zum Leidwesen der restlichen Familie, die sich gerne nach dem Lauf der Sonne bewegt.
    Seine Finger tasten nervös das kleine Loch in der Wand des Lehmhauses ab. Da ist sie. Er zieht sie vorsichtig wie eine Schatz heraus und drückt den Knopf an der Seite. Das Licht der Billiguhr ging genau einmal aber er mag das Gefühl wenn der Knopf dieses kleine Klickgeräusch macht. Er neigt die sie vor und zurück um die Ziffern 5:10 lesen zu können. Sein Bruder hat ihm das Uhrlesen beigebracht als er letztes Jahr vorbei kam.
    Lauter als das Krähen des Hahnes und das Bellen der aufgeschreckten Hunde rennt er schreiend in das Innere der Lehmhütte. „Despiertense!“ „Aufwachen!! Ich komme zu spät zur Schule.“ Die unglaubliche Eile und die Dunkelheit des Raumes lassen ihn über die Hunde und quer über das Bett fallen, was sogar den fast tauben Urgroßvater weckt.
    Müde räkelt sich nun auch der Rest der Familie aus dem Bett. „Aber Pablo, die Schule beginnt doch erst um 7 Uhr!“ „Ja Mama, aber ich kann doch nicht zu spät kommen! Ich will doch auch mal studieren!“
    Die Mutter seufzt während sie sich noch auf der Bettkante einen Zopf in die langen, langsam grau werdenden Haare flechtet. Beim Aufschichten der Holzscheite schluchzt sie leise. So leise, dass es nur die Hunde hören können die den Boden nach übrig gebliebenen Krümeln absuchen. Nicht einmal für sie gab es Reste und der Kleine redet von studieren. Womit um Gotteswillen soll ich ihn unterstützen können.
    Ohne auch nur zu frühstücken, verabschiedet sich Sebastiáns Vater, der die Nächte seit dem Einzug des Urgroßvaters auf dem Boden verbringt. Er geht auf eine Minga, auf dem Feld mithelfen, damit die Familie bei der Ernte einen Anteil erhält. Besorgt sieht die Mutter ihm nach. Er ist so dünn und geht gebückt wie ein alter Mann. Im Stillen betet sie für Regen der ihnen alles so viel erleichtern würde.
    Nach einer Tasse verdünnter Maissuppe macht sich Sebastián an den Aufstieg zur Schule. Die beiden dünnen Hunde begleiten seine gazellenartigen Sprünge mit lautem Gebell und bringen ihn dabei beinahe zu Fall. Auch sie mögen die Schule. Ab und zu fallen ein paar Krümel für sie ab.
    Heute wird er die 30 Minuten schaffen! Vielleicht ist er sogar Erster. Völlig außer Puste kommt er vor seinen Mitschülern zum stehen, einen rennt er beinahe um. Sie lachen vor Freude über seinen Rekord und wollen die Uhr sehen. Da heute keiner zu spät kommen wollte sind sie ebenfalls vor den Hähnen aufgestanden und haben ihn bereits erwartet. Sebastián ist der einzige Besitzer einer Uhr.
    Endlich geht es los. Die Lehrerin begrüßt die acht Schüler alle beim Namen und stellt Marthe vor, die neue Volontärin. Sie wird die Schüler das Jahr über begleiten und ihnen Englisch beibringen.
    Sebastián und seine Mitschüler strahlen über beide Ohren. Ein so weißes Gesicht und die blonden Haare sehen sie sehr selten, viele der jungen Schüler zum ersten Mal. Die Gemeinde in den ecuadorianischen Anden liegt so fern ab, als dass sie von Touristen entdeckt werden könnte.
    Beim lange vermissten Schulmittagessen langen die Kinder so richtig zu. Sie wissen garnicht was zuerst tun. Die blonden Haare ihrer neuen Englischlehrerin anfassen oder sich den Bauch voll schlagen.
    Sebastián wird zur Lehrerin gebeten und fragt sich was er denn ausgefressen haben könnte in so kurzer Zeit. Als er erfährt, dass die blonde Frau bei ihm und seiner Familie wohnen wird überschlägt sich sein Herz vor Freude. Er nimmt sie bei der Hand und beginnt den steilen Pfad herunter zu rennen. Sie kann ihm kaum folgen.
    Er kann es nicht erwarten seiner Mutter diese tolle Nachricht samt exotischem Wesen zu überbringen. Sicher hat sie Zeit ihm von fernen Welten zu erzählen und auch seine Mutter wird wieder fröhlicher.
    Die blonde Frau hat einen ganzen Sack Reis und Obst dabei dabei, was es ihr unmöglich macht ihm zu folgen. Er besinnt sich kehrt um und hilft ihr tragen.
    Von weitem sieht die Mutter die beiden kommen. Ihre Gebete wurden erhört. Nicht nur, dass ihr Sohn tatsächlich eine reelle Chance auf ein Studium erhält dank ihres Unterrichts, auch fühlt sie sich nicht mehr so allein gelassen.
    Als Sebastián an diesem Abend einschläft fällt er in einen tiefen Traum. Er sieht sich an der Universität studieren. Er verdient ganz viel Geld womit er endlich seiner Mutter wieder Kühe kaufen kann. Sie ist so traurig seit sie sie weggegeben haben. Die schönsten Kühe wird er für sie aussuchen. Dann wäre auch Vater wieder mehr zuhause. Und für seine Schwester ein schönes Kleid. Auch sie hatte einst vom Studieren geträumt. Die Eltern aber haben anders entschieden, so hilft sie auf dem Feld und im Haus.
    So sehr sich Marhe auch dagegen wehrte, die Familie samt Urgroßvater bestanden darauf auf dem Boden zu schlafen und ihr das Bett zu überlassen. Die Hoffnung die sie in die ärmliche Behausung brachte erfüllte alle mit einer unbeschreiblichen Wärme.

    Daniela Kohler

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