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Schlaflos

Eine Morgen in Otavalo, Ecuador

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    Schlaflos

    Es ist schon früh oder doch spät. Ich verlasse die Bar, laufe nach Hause. Nicht an Schlaf zu denken. Ich schließe die Türe erst gar nicht auf. Laufe einfach weiter. Weiß nicht wohin..

     

    Ich spüre die nächtliche Kälte der Anden auf meiner Haut. Die ersten Sonnenstrahlen wärmen meine unbedeckte Schulter wie eine Umarmung. Ich bin glücklich und doch einsam zugleich.  Zerrissenheit.

     

    Blaue Planen, bunte Früchte. Ein belebendes Farbenspiel lockt mich in Richtung eines kleinen Marktes. Flüsterstimmen mischen sich in die unberührte Morgenstille. Die Stadt räkelt sich sachte aus ihrer Decke aus kühler Morgenluft.  Ich bleibe kurz im  Schatten stehen – Gänsehaut! Abwechselnd warm, kalt und wieder warm.

     

    Immer mehr Farben mischen sich in das rot der aufgehenden Sonne. Gerüche. Frisches Obst! Rote Luft. Geduldig und mit viel Gefühl werden Früchte und Gemüse aufgestapelt. Eine Routine, geduldig wie das Ticken einer Uhr, jeden Tag aufs Neue.

     

    Die einheimischen Frauen, ihre langen schwarzen Haare zu eleganten Zöpfen geflochten, schauen mich noch müde aber freundlich, fast amüsiert an. So früh sehen sie sonst keine Touristen. Meine blauen Augen verraten mich.

     

    Ich frage nach einer Papaya, mein Geldbeutel fühlt sich leer an. Mir bleiben 25 Centavos. Sie sagt 50. Ich zeige ihr mein Vermögen. Belustigt gibt sie mir eine Papaya und ein Messer während sie sich für ihre dreckigen Hände entschuldigt. Die Schale ist noch kalt von der Nacht unter der blauen Plane.

     

    Der Griff des Messers aus Holz und abgenutzt, die Klinge, unerwartet scharf, gleitet  spielend durch die duftende, reife Frucht. Ich muss aufpassen sonst schneide ich mich. Die Frau nimmt mir die Kerne ab und lächelt. Sie scheint sich darüber zu freuen, dass sie wenigstens etwas für mich tun kann, trotz ihrer dreckigen Hände. Dabei habe ich gerade mal die Hälfte bezahlt. Ich erwidere ihr Lächeln. Ihre Herzlichkeit füllt mich mit Wärme.

     

    Ich suche mir einen Platz in der Sonne um mein herrlich duftendes Frühstück zu genießen. Ein kleiner Straßenhund gesellt sich zu mir. Er ist dünn und wirkt durch sein graues Fell sehr alt. Seine Augen sind klar, wirken fast verschmitzt und verraten sein wahres Alter. Er sieht mir beim Papaya essen zu, lässt keine meiner Bewegungen aus. Ob er weiß, dass ihm mein Frühstück nicht schmecken wird. Ich gehe davon aus und überlege gerade ob ich beim Metzger nach einem Knochen für ihn frage, als er sich spielend davon tollt. Trotz Hunger scheint er keineswegs besorgt oder gar bedrückt. Beneidenswert.

     

    Während ich ihm ein wenig in Gedanken versunken hinterher schaue, gesellt sich eine Frau zu mir.  Sie trägt die typische Tracht, ich schätze sie ist um die 40 Jahre  alt. Sie grüßt mich freundlich und strahlt dabei mehr als die bereits aufgegangene Sonne. Ich gebe ihr die andere Hälfte meiner Papaya. Leider ist diese ungeschält. Sie nimmt sie dankend an und klappt ganz einfach die Schale um. Wer braucht schon ein Messer.

     

    Sie ist auf den Markt gekommen um Secondhand Kleidung zu verkaufen. Langsam und geduldig holt sie ein Kleidungsstück nach dem anderen aus dem großen Sack, legt es fein säuberlich neben die anderen. Ich sehe ihr zu, wie der Hund mir beim Papaya essen. Ich bin gefangen von der Ruhe die in ihren Bewegungen liegt.

     

    Mit zufriedener Miene setzt sich wieder zu mir auf die Treppe, diesmal ein wenig mehr in den Schatten. Die Höhensonne wärmt bereits mit voller Kraft. Sie nimmt eine der typischen Halsketten aus einem Beutel und fängt an die kleinen Steine auf ein neues Band zu fädeln. Sie scheint diese Fieselarbeit gar nicht zu bemerken. Ihr Hände bewegen sich mit der gleichen Ruhe und Selbstverständlichkeit wie schon beim Auslegen der gebrauchten Kleidung. Hin und wieder fallen Steine in einer ihrer Rockfalten. Es scheint ihre Arbeit nicht im geringsten zu unterbrechen, es ist als hätte sie erwartet, dass sie ihr aus den Fingern gleiten.

     

    Eine zweite Frau gesellt sich zu uns, sie unterhalten sich auf Quichua. Sie scheinen sich zu kennen. Sie blabbern, fröhlich miteinander und vor sich hin. Falten Kleidungsstücke, fädeln mini-kleine Steine auf dünne Faden. All das geschieht mit einer Ruhe und Gelassenheit, dass ich das Gefühl bekomme sie kennen keinen Stress. Keine Hektik. Die Uhr scheint für sie tatsächlich langsamer zu ticken. Ich beginne sie zu beneiden.

     

    Ich genieße es ihnen zuzuschauen. Verstehen kann ich sie nicht. Ich bin froh, dass sie mich einfach da sitzend akzeptieren.  Sie stellen mir keine Fragen, ab und zu lächeln sie mich an. Ich fühle mich wie in einem Film über eine fremde, mir unbekannte Welt. Anstatt vor der Leinwand  sitze ich mitten zwischen den Komparsen. Sehe, höre, fühle und fange an zu verstehen. Zu verstehen, dass die Welt aus der ich komme nicht zu meiner inneren Uhr passt! Ich möchte, dass sich meine Welt ebenfalls ein wenig langsamer dreht. Mir die Möglichkeit gibt zu atmen und den Moment zu leben.

     

    Wenn ich auf mein altes Leben zurückblicke, bin ich der ertrinkende Schwimmer der angestrengt versucht gegen die Strömung zu schwimmen. Die beiden Frauen hingegen lassen sich wie die Schaumkronen der Wellen einfach treiben. Ich steuere Tag ein Tag aus, blind auf ein Ziel zu, dass ich noch nicht einmal kenne, dass ich vielleicht auch nie erreichen werde. Während die beiden Ecuadorianerinnen fröhlich Quichua quatschend auf ihren Wellenhügeln auf und ab tanzen.

     

    Ich lache über mich selbst und schiebe das Bild der beiden, immer noch fröhlich quatschenden Frauen in bunten Regenschirmen sitzend, beiseite.

     

    Ich stehe auf und verabschiede mich von den beiden. Sie wünschen mir einen schönen Tag und sagen ich soll doch wieder vorbeikommen. Es fühlt sich an als würden wir uns schon seit Ewigkeiten kennen, dabei spreche ich noch nicht einmal ihre Sprache.
    Ich laufe durch den bunten, mittlerweile mit Menschen gefüllten Markt zurück, als mich eine mir unbekannte Müdigkeit mit einer Mischung aus Zufriedenheit und einem Entschluss überkommt! Von heute an werde ich mich mehr treiben lassen!

     

    Ich schließe die Tür auf, falle ins Bett und Sekunden später spüre ich die auf und ab Bewegung, wie Schaumkronen auf der Wellenspitze. Eine Kindheitserinnerung! So einfach und doch wunderschön! Wie konnte ich das nur vergessen?

     

    Es ist bereits später Mittag als ich aufwache und am liebsten zurückgehen würde um mich bei den beiden Frauen zu bedanken.

    Daniela Kohler

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